Der Wal
Wale, große Fische und Seeungeheuer faszinieren uns seit jeher. Wir erzählen davon, dass wir sie jagen, dass wir ihnen nur knapp entrinnen (aber dafür sogar zweimal!), oder dass sie für uns unverhofft zu einem Vorratslager werden, das uns über schwierige Zeiten hinweg hilft. Sie nehmen eine seltsame Position zwischen dem Wasser (der Tiefe, dem Unsicheren, dem Chaos, dem Potenzial) und dem Land (dem festen Grund, dem Sicheren, der Ordnung, der Struktur) ein. Besonders deutlich wird dies in Geschichten, in denen tatsächlich ein solches großes Seetier zumindest kurzfristig für eine Insel gehalten wird.
Der Lyngbakr in der nordischen Mythologie und (vermutlich vorher schon) der/die/das Aspidochelone (Artikel sind Glückssache) machen es den Seeleuten aber auch nicht leicht: sie sind mit Heidekraut oder sogar größeren Pflanzen bewachsen, so dass sie tatsächlich den Eindruck einer Insel erwecken, wenn sie im Wasser treiben. Man kann auf ihnen herumlaufen, läuft aber Gefahr, dass sie plötzlich abtauchen und alle Besucher mit in die Tiefe ziehen. Insbesondere sollte man darauf verzichten, auf ihren Rücken ein Feuer zu entfachen. Ob die Biester auf Beute aus sind oder einfach nur ihr Ding machen, ist nicht ganz klar und wird unterschiedlich erzählt. Aber ob man ertrinkt oder gefressen wird, ist ja letztlich auch egal.
Auch Sindbad der Seefahrer gerät auf seiner ersten Reise in eine solche Situation. Als ein Feuer auf der vermeintlichen Insel entzündet wird, taucht der große Fisch ab, und Sindbad überlebt als Einziger.
Eine besondere Wendung erfährt die Begegnung mit dem Seeungeheuer in der Legende von Sankt Brendan dem Reisenden. Auch hier wird ein Feuer entzündet; dies führt aber dazu, dass das Ungeheuer (ein Wal) mit Sankt Brendan und seinen Gefährten kommuniziert, ihnen sogar seinen Namen (Jasconius) nennt und es ihnen gestattet, noch auf seinem Rücken zu verweilen und die Messe zu feiern (siehe auch diese schönen Briefmarken von Jersey). Wie könnte es auch anders sein, wenn Gott doch den Leviathan geschaffen hat, dass er im Meer spiele, und einen großen Fisch bestellen kann, um Jona drei Tage und drei Nächte zu beherbergen?
Wäre es nicht schade, wenn wir in unserer postmodernen Zeit all dies dekonstruieren und dann vergessen würden? Zum Glück gibt es Petzi!
Petzi (im dänischen Original Rasmus Klump) und seine Freunde reisen auf ihrem Schiff, der Mary, um die Welt und erleben Abenteuer. Dabei sichten sie auch einmal eine seltsame Insel, die sich später als Wal entpuppt. Mir liegt sowohl eine 7. Auflage von “Petzi und Ursula” von 1970 als auch die im Jahr 2011 herausgegebene, textlich leicht angepasste Neufassung der Erstausgabe “Petzi trifft Ursula“ von 1954 vor. Und wie bei den oben erwähnten Legenden lohnt es sich, verschiedene Ausgaben zu vergleichen (siehe hierzu auch die Petzi-Forschung, die gleichzeitig eine wunderbare Reise zu den Anfängen des WWW ist).
Nachdem Petzi und seine Freunde ihr Schiff auf die Insel gezogen haben, gehen sie auf Entdeckungsreise und lassen sich schließlich zum Picknick nieder, hier in der Neufassung:
Direkt danach wird es interessant; in der Ausgabe von 1970 sind nämlich vier Bilder enthalten, die in der Neufassung (und damit vermutlich auch in der Erstausgabe) nicht zu finden sind:
Hier wird also Sonntag gefeiert; ganz offensichtlich war den Autoren (oder wenigstens den Übersetzern) Sankt Brendans Reise bekannt. Der Hase in der unteren rechten Ecke ist übrigens ein Kuriosum, denn er gehört nicht zur Mannschaft.
Die Verbindung zur Legende von Sankt Brendan wird auch danach deutlich. Der Wal kommuniziert nämlich mit Petzi und hilft der Mannschaft dabei, “echtes” Land zu erreichen (zum Dank bekommt er Himbeerbonbons).
Auf dem Weg zum Land findet sich in der Neuausgabe noch ein Spruch, der in der Ausgabe von 1970 fehlt, der aber doch ein “echter Petzi” ist: einer der hintersinnigen Sprüche, die dazu führen, dass man auch als Erwachsener Spaß an diesen Geschichten haben kann:
Natürlich, wenn sie so groß ist, muss sie ja nett sein!




