Εμπάθεια
Griechisch: Boshaftigkeit, Gehässigkeit, Feindseligkeit, Voreingenommenheit
Ein Jahresabo der ZEIT kostet inklusive Onlinezugang fast 400 Euro, und jetzt gibt es nicht mal mehr Martensteins Kolumne. Sind meine Sünden wirklich so groß, dass ich diesen Ablass zahlen muss? Und dafür die Ergüsse von Dr. Jakob Simmank lesen kann, früher Leiter des Ressorts Gesundheit und nun Chefreporter Gesundheit (was auch immer der Unterschied ist)?
Gerade hat er es wieder getan und ein ganzes Dossier zum Thema “Empathie: Der Mensch ist ein Gutmensch” präsentiert - zwar in der Ausgabe vom 1. April 2026, aber wohl leider kein Aprilscherz. Der Untertitel zeigt, um was es ihm wirklich geht:
Sei hart, sei rücksichtslos, oder du verlierst. Das legen Trump, Musk und die AfD nahe. Dabei zeigt die Forschung: Ohne Empathie hätte es der Mensch nie so weit gebracht.
Schieben wir den Text doch noch ein wenig vor uns her und fangen mit den Bildern an. Illustriert wird der Artikel mit 29 Fotos von Umarmungen, davon
12, die von Gemälden, aus Filmen oder Cartoons stammen,
2, auf denen Fußballer zu sehen sind, die sich auf dem Spielfeld umarmen (vermutlich, weil sie den “Gegner” “geschlagen” haben),
3 mit Soldaten in Kriegssituationen,
5 auf Demos, teilweise in sehr gefährlichen Situationen,
2 mit Politikern,
1 ganz ohne Menschen, sondern mit zwei kleinen Orang-Utans und
4 generische.
Würde man aus den Illustrationen erahnen, dass “Empathie” das Thema des Artikels ist? Vielleicht würde man eher auf einen Essay tippen, wie Menschen in gefährlichen oder hochemotionalen Situationen sich gezielt zu vergewissern suchen, dass bestimmte andere Menschen auf ihrer Seite stehen. Und tatsächlich geht es dann so los:
Etwa 300.000 Jahre nach der Entstehung des Homo sapiens sitzt Elon Musk in einem Aufnahmestudio in Austin, Texas, und spricht ein Wort aus, das er offensichtlich nicht mag: Empathie.
Musk ist an diesem Tag im Februar 2025 zu Gast in einem viel gehörten Podcast, um über seine Weltauffassung zu reden. Er zieht über Migranten und die US-Demokraten her. Dann sagt er: “Die fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation ist Empathie.”
Der im vergangenen Jahr ermordete amerikanische Aktivist Charlie Kirk hat das ähnlich gesehen. Von ihm stammt der Satz: “Ich kann das Wort Empathie nicht ausstehen.” Auch Donald Trump ist nicht gerade für sein Mitgefühl bekannt. Gefallene amerikanische Soldaten hat er Presseberichten zufolge als “Loser” bezeichnet. Nach Ansicht des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders wiederum benötigt die Welt mehr Helden und weniger Feiglinge. Und der AfD-Politiker Markus Frohnmaier sieht im Völkerrecht eine “Ohnmachtsrhetorik für Schwache”.
Man muss dem Herrn Doktor Simmank schon Respekt zollen. Es ist eine Leistung, in drei so kurzen Absätzen derart viele Verzerrungen unterzubringen, einfach indem der jeweilige Kontext unter den Tisch fallen gelassen wird.
Beginnen wir mit Elon Musk bei Joe Rogan. Hier ein Transkript der Stelle:
Gad Saad talks about suicidal empathy, like, if there’s so much empathy that you actually suicide yourself. We’ve got civilizational suicidal empathy going on. I believe in empathy, I think you should care about other people but you need to have empathy for civilization as a whole and not commit civilizational suicide.
[...] The fundamental weakness of Western Civilization is empathy, the empathy exploit. They’re exploiting a bug in western civilization which is the empathy response. I think empathy is good but you need to think it through and not just be programmed like a robot [...] weaponized empathy is the issue.
Simmank! Hör hin! Er sagt “I believe in empathy, I think you should care about other people” und “I think empathy is good”! Mit der Schwäche meint er nicht die grundsätzliche Anwesenheit von Empathie, sondern deren bedingungslose Zusicherung in gewissen Kontexten.
Ebenso Charlie Kirk:
Bill Clinton in the 1990s, it was all about empathy and sympathy. I can’t stand the word empathy, actually. I think empathy is a made-up new-age term that does a lot of damage but it is very effective when it comes to politics. Sympathy I prefer more than empathy, that’s a separate topic for a different time.
Simmank! Hör hin! Es geht ihm um den Begriff und dessen Missbrauch, nicht um den Sachverhalt. Leider hat ihn einer von den Empathischen getötet, daher kann er das “separate topic for a different time” jetzt nicht mehr erörtern.
Ob Donald Trump gefallene amerikanische Soldaten wirklich als “Loser” bezeichnet hat, wird wohl für immer das Geheimnis des Atlantic bleiben. Tonaufnahmen gibt es jedenfalls nicht; insofern ist Simmanks Hinweis auf Presseberichte angemessen. Wenn das der beste Beweis dafür sein soll, dass “Donald Trump nicht gerade für sein Mitgefühl bekannt ist”, dann ist das aber wohl eher mau. Immerhin hatte er Glück (wenn auch dafür ein Zuschauer tödliches Pech), als ein anderer der Empathischen auf ihn geschossen hat.
Um Geert Wilders von Helden und Feiglinden sprechen zu hören, muss man schon bis ins Jahr 2009 zurückgehen:
Sixth, last but not least, we will have to get rid of all those cowardly so-called leaders. We enjoy the privilege of living in a democracy. Let’s use that privilege by replacing cowards with heroes. Let’s have fewer Chamberlains and more Churchills. Lets elect real leaders.
Der Kontext (und es kommt einiges davor, wie man am “Sixth” erkennen kann) ist Wilders’ Kampf gegen den fundamentalistischen Islam. Man kann zu diesem Thema unterschiedliche Meinungen vertreten, aber rein abstrakt kann man nicht so gut, wenn Person oder Gruppe A auf Person oder Gruppe B einprügeln, gegenüber beiden Gruppen empathisch sein. Sein Wahlrecht kann man hingegen nutzen, und das schlägt Wilders hier vor.
Bleibt noch Markus Frohnmaier, der sicher vor Stolz platzt, in einem Atemzug mit den obigen Personen genannt zu werden. Hier das vollständige Zitat:
Venezuela zeigt: Völkerrecht ist ein Narrativ, kein Recht. Ohne Souverän, Gericht und Durchsetzung bleibt es Ohnmachtsrhetorik für Schwache. Die Welt ordnet sich schmittianisch neu: USA sichern Südamerika, Russland beansprucht die Ukraine und ringt in Zentralasien mit USA & China, China Ostasien – Taiwan als Sollbruchstelle. Europa hingegen hat keinen Großraum und wird von orientierungslosen Kindern verwaltet. Macht schlägt Hypermoral.
In der Tat sieht er im Völkerrecht eine “Ohnmachtsrhetorik für Schwache”… weil und wenn es keinen Souverän, kein Gericht und keine Durchsetzung hat! Ich lese den Tweet als reine Zustandsbeschreibung ohne positive Wertung dieses Zustands. Und auch hier kann man anderer Meinung sein, aber an welcher Stelle hier ein Hinweis auf fehlende Empathie zu finden sein soll, ist mir schleierhaft.
Noch Lust? Gehen wir noch ein kleines Stückchen weiter:
Einer der wichtigsten Stichwortgeber der neurechten Bewegung, der kanadische Autor Jordan Peterson, schreibt: “Alles, was aus einer darwinistischen Perspektive zählt, ist das Dauerhafte.” Von jeher, so Peterson weiter, kämpften alle Lebewesen um Dominanz, auch die Menschen: “Ganz oben auf der Hitliste steht die Nummer eins, der Erfolgsmensch schlechthin. Wenn Sie ein solcher Mensch sind, ein Mann, haben Sie bevorzugten Zugang zu den besten Wohnlagen und dem besten Essen. Alle wetteifern darin, Ihnen zu Diensten zu sein. Ihnen bieten sich Gelegenheiten ohne Ende zu Sex- und Liebeskontakten.” Nun ist Peterson kein Biologe, sondern Psychologieprofessor, man kann ihm mangelndes Fachwissen vorwerfen.
Ja, das sind Zitate aus “12 Rules for Life”, und zwar aus dem ersten Kapitel "Stand up straight with your shoulders back". Peterson beschreibt hier Grundlagen der Evolutionsbiologie, und schon im Jahr 2018 musste ich die ZEIT darauf hinweisen, dass man das Kapitel auch bis zum Ende lesen muss. Ich gebe nur den allerletzten Absatz des Kapitels noch einmal wieder:
Thus strengthened and emboldened, you may choose to embrace Being, and work for its furtherance and improvement. Thus strengthened, you may be able to stand, even during the illness of a loved one, even during the death of a parent, and allow others to find strength alongside you when they would otherwise be overwhelmed with despair. Thus emboldened, you will embark on the voyage of your life, let your light shine, so to speak, on the heavenly hill, and pursue your rightful destiny. Then the meaning of your life may be sufficient to keep the corrupting influence of mortal despair at bay.
Then you may be able to accept the terrible burden of the World, and find joy.
Look for your inspiration to the victorious lobster, with its 350 million years of practical wisdom. Stand up straight, with your shoulders back.
Nun ist Simmank kein Biologe, sondern ZEIT-Autor mit einer Doktorarbeit über Entscheidungsfindungsprozesse bei Übergewichtigen, man kann ihm mangelndes Fachwissen vorwerfen. Aber was soll dieses grobschlächtige Framing? Alle diese aus dem Kontext gerissenen Zitate wurden schon kurz nachdem sie getätigt wurden durch den Fleischwolf der Sozialen Medien gedreht (und wir reden hier von den Jahren 2009, 2018, 2020, 2022, 2025 und 2026). Warum funktioniert der Trick immer noch?
Die gute Nachricht ist, dass wir es dabei belassen können, uns mit etwa einem Achtel des Textes beschäftigt zu haben. Die Auslassungen über Evolutionsbiologie, Verhaltensforschung und Geschichte sind ja ganz nett, aber das interessanteste Thema wird überhaupt nicht erwähnt: dass wir Menschen nämlich immer wieder in Stammesdenken und Freund-Feind-Schemata zurückfallen, weil das die evolutionär energiesparendste Strategie war: alleine können wir kaum überleben, aber wenn die Gruppe zu groß wird, werden die Ressourcen knapp.
Es ist Herrn Simmank vielleicht nicht bewusst, aber sein gesamter Text ist ein Paradebeispiel solchen Stammesdenkens. Es kommt ihm überhaupt nicht darauf an, was jemand sagt, sondern wer es sagt. Beispielsweise schreibt er:
Der Anthropologe Oliver Curry formuliert es so: “Moralische Systeme, die auf universellen Altruismus bauen, funktionieren nicht. Wenn man jedem hilft, hilft man auch den bösen Jungs, und die machen dann alles kaputt. Es braucht ein wenig Härte, um die Guten zu schützen.”
Anders gesagt: Es ist Strenge nötig, es sind auch Strafen nötig für jene, die sich nicht an die Regeln halten. Nur dann können Offenheit, Kooperationsbereitschaft und Altruismus erhalten bleiben.
Wie, bitte schön, unterscheidet sich Oliver Curry inhaltlich von Elon Musk?
Ein Jakob Simmank scheint sich immer auf die Seite desjenigen Stammes zu schlagen, der gerade die Oberhand hat, egal ob es nun die Brandmaurer, die Impftaliban, die Klimapaniker oder die Wissenschaftstorpfostenverschieber sind - und der Stamm applaudiert ihm dafür in den Kommentaren zu den ZEIT-Artikeln. Ein solches Verhalten ist nicht besser als das des oben (von Markus Frohnmaier) erwähnten Carl Schmitt, der die Freund-Feind-Unterscheidung als Grundlage jeglicher Politik definiert und sich später opportunistisch auf die Seite der Nazis geschlagen hat. Simmank und sein Stamm täten gut daran zu erkennen, dass Musk, Trump und die anderen Zitierten eben gerade nicht der Feind sind, dass es aber durchaus sehr dunkle Strömungen in der Welt gibt, die beispielsweise Carl Schmitt wieder entdecken und sich eine Utopie erträumen, die wir bestimmt nicht haben wollen (man folge dazu James Lindsay).
Ich schließe mit dem Schluss des Artikels:
Man kann es auch so sagen: Wäre der Mensch, der Homo sapiens, tatsächlich so, wie Donald Trump, Elon Musk und viele andere es propagieren, wäre er durch und durch egoistisch, rücksichtslos und ohne Empathie – dann würde er noch heute, allein und auf sich gestellt, durch die Savanne trampeln. Oder er wäre längst vom Neandertaler verdrängt worden.
Man kann es auch so sagen: einen dämlicheren Absatz kann man kaum schreiben. Das endgültige Fazit über Donald Trump werden nachfolgende Generationen ziehen, und ich vermute, dass es durchaus positiv ausfallen wird. Ohne die ausgefeilte Raketentechnik von Elon Musk könnten all die Satelliten nicht ins All befördert werden, die die globale Kommunikation überhaupt erst möglich machen. Und dass der Homo sapiens nicht vom Neandertaler verdrängt worden ist bedeutet zunächst einmal nur, dass der Homo sapiens den Neandertaler verdrängt hat. Der Homo sapiens, der so wenig egoistisch ist, so rücksichtsvoll und so voller Empathie, er hat eine ganze Menschenart verdrängt!


